Wo kann ich Buecher im Internet lesen? Kostenfrei natuerlich ?

gefragt von Duffy24 am 18.11.2003 um 18:18

gargas antwortet am 18.11.2003 um 22:31

Die Bibel hier:
http://www.bibel-konkordanz.de/cgi-bin/sstart.pl – Bewerten …

Ro 80 antwortet am 19.11.2003 um 01:30

hier auf kf, wo sonst?

Norman Spinrad: Die letzte Grenze


Im zarten Alter von neun Jahren entdeckte Harrison Wintergreen, daß die Welt eigentlich wie eine Auster aussah, wenn er den Kopf etwas zur Seite legte. Das war das Jahr, in dem Baseballbilder die große Mode waren. Der Junge mit der umfangreichsten Sammlung von Baseballbildern wurde von allen anderen glühend beneidet. Harry Wintergreen beschloß, dieser eine Junge zu werden.
Harry sparte, bis er einen Dollar hatte, und erwarb damit hundert verschiedene Baseballbilder. Er hatte Glück - eines davon war ein äußerst seltener Yogi Berra. Durch geschickte Transaktionen mit drei verschiedenen Geschäftspartnern gelang es ihm, seine restlichen neunundneunzig Bilder gegen die einzigen weiteren drei Yogi Berras in der Nachbarschaft einzutauschen. Damit hatte er seinen Besitz auf vier Bilder reduziert, aber er beherrschte jetzt den Markt für Yogi-Berra-Bilder. Innerhalb kürzester Zeit trieb er den Preis für einen Yogi Berra auf unverschämte achtzig Bilder hinauf. Mit dem dadurch vorhandenen überschüssigen Kapital beherrschte er nacheinander den Markt in Mikey Mantle, Willy Mays und Pee Wee Reese und wurde der J. P. Morgan der Baseballbilder.
Harry absolvierte die Oberschule mühelos, indem er ein einziges Fach perfekt beherrschte - die Kunst, Prüfungen zu bestehen. Im letzten Schuljahr war er jedem Aufgabensteller geistig überlegen, ohne auf seinen Spickzettel zurückgreifen zu müssen, und errang mühelos ein halbes Dutzend Stipendien.
Im College entdeckte Harry die Mädchen. Da er einigermaßen gut aussah und einen einigermaßen netten Eindruck machte, hätte er ohne Zweifel im normalen Verlauf der Dinge mit etlichen Eroberungen rechnen können. Aber Harry Wintergreens Verstand arbeitete eben anders.
Harry kultivierte sorgfältig ein Stottern, das er nach Belieben an- und abstellen konnte. Nur wenige Mädchen brachten es fertig, der Versuchung zu widerstelien, die von einem gutaussehenden, netten jungen Mann ausging, der irgendeinen schweren Schicksalsschlag erlitten hatte, dessen Nachwirkungen ihn stottern ließen. Es gab viele Mädchen, die sich mit Harrys Geheimnissen befaßten, während er sich mit ihnen befaßte.
Im zweiten Studienjahr fand Harry das Collegeleben langweilig und entschied sich dafür, stinkreich zu werden. Er las einen Monat lang nur Sexromane und schrieb in den nächsten acht Wochen drei neue, die er sofort für jeweils 1000 Dollar an den Mann beziehungsweise einen Verleger brachte.
Mit den auf diese Weise erworbenen 3000 Dollar kaufte er ein chromblitzendes neues Kabriolett. Er fuhr den Wagen über die Grenze nach Mexiko in eine berüchtigte Grenzstadt. Dort nahm er innerhalb kürzester Zeit Verbindung mit einem zwielichtigen Schuhputzer auf, dem er ein Pfund Marihuana abkaufte. Der Schuhputzer verständigte natürlich die Zollbehörde, und als Harry über die Fußgängerbrücke in die Vereinigten Staaten zurückkehren wollte, wurde er festgenommen und gründlich durchsucht. Die Zollbeamten fanden jedoch nichts, und Harry überquerte die Grenze. Er hatte nichts aus Mexiko herausgeschmuggelt; er hatte das Marihuana sogar wenige Minuten nach dem Kauf weggeworfen.
Aber er hatte die mexikanische Einfuhrsperre für amerikanische Autos ausgenützt und das Kabriolett in Mexiko illegal für 15 000 Dollar verkauft.
Harry fuhr mit seinen 15 000 Dollar nach Las Vegas und verbrachte die nächsten sechs Wochen damit, anderen Leuten Drinks zu spendieren, bankrotten Spielern mit Geld auszuhelfen, überall wie der Weihnachtsmann aufzutreten, die richtigen Betrunkenen ins Vertrauen zu ziehen und 5000 Dollar zu verjubeln.
Nach sechs Wochen hatte er drei heiße Tips in der Tasche, mit denen er in den folgenden zwei Monaten seine restlichen 10 000 Dollar in 40 000 Dollar verwandelte.
Harry kaufte daraufhin insgesamt vierhundert in Kisten verpackte Jeeps aus überzähligen Heeresbeständen - für 10 000 Dollar pro hundert Einheiten - und verkaufte den ganzen Ramsch sofort an eine übelbeleumdete südamerikanische Regierung für 100 000 Dollar in bar weiter.
Mit diesen 100 000 Dollar erwarb er eine winzige Insel im Pazifik, die so unbedeutend war, daß bisher noch keine Regierung auf die Idee gekommen war, sie für sich zu beanspruchen. Er gründete dort einen unabhängigen Staat ohne Steuern und verkaufte zwanzig Hektar Land an zwanzig Millionäre, die bereit waren, in diesem Steuerparadies 100 000 Dollar für ein Grundstück auszugeben. Er wurde das letzte Grundstück drei Wochen vor dem Tag los, an dem die Vereinigten Staaten die Insel mit Billigung der UNO für sich beanspruchten, so daß die amerikanischen Steuergesetze auch dort galten.
Harry investierte einen kleinen Teil seiner nunmehr 2 000 000 Dollar und mietete zwölf Stunden lang einen gigantischen Computer. Dieser Computer berechnete ihm ein Wettsystem, mit dem Harry aus seinen 2 000 000 Dollar mühelos 20 000 000 Dollar machte, indem er das englische Fußballtoto um 18 000 000 Dollar erleichterte.
Dann kaufte er für 5 000 000 Dollar ein riesiges Stück wertlose Wüste von einem verarmten arabischen Sultan. Mit weiteren 2 000 000 Dollar verbreitete er überall das Gerücht, dieses Stück Wüste schwimme buchstäblich in Öl. Weitere 3 000 000 Dollar waren erforderlich, um eine Schwindelfirma zu gründen, die sich als große Ölgesellschaft ausgab und ihm öffentlich 75 000 000 Dollar für sein Stück Wüste bot. Nach langwierigen Verhandlungen durfte eine kapitalstarke amerikanische Ölfirma diese Konkurrenz aus dem Feld schlagen und dreitausend Quadratkilometer Sand für 100 000 000 Dollar kaufen.
Im Alter von fünfundzwanzig Jahren war Harry Wintergreen nach seinen eigenen Maßstäben stinkreich. Deshalb verlor er das Interesse an Geld.
Statt dessen beschloß er, in Zukunft wohltätig zu wirken. Und das tat er auch. Er stürzte sieben unsympathische südamerikanische Regierungen und ersetzte sie durch sechs soziale Demokratien und eine wohlwollende Diktatur. Er bekehrte einen Kopfjägerstamm auf Borneo zum Rosenkreuzlertum. Er richtete zwölf Altersheime für ehemalige Bordellmädchen ein und organisierte ein Projekt zur Geburtenregelung, durch das zwölf Millionen fruchtbarer Inderinnen sterilisiert wurden. Er brachte es irgendwie fertig, an den obengenannten Unternehmungen weitere 100 000 000 Dollar zu verdienen.
Im Alter von dreißig Jahren hatte Harry Wintergreen die Rolle des Wohltäters gründlich satt. Er beschloß, seine Fußabdrücke im Sand der Zeit zu hinterlassen. Er schrieb eine international anerkannte Biographie über König Faruk. Er erfand das Wintergreen-Filter - eine Membran, die Süßwasser passieren ließ und Salze aufhielt. Eine Entsalzungsanlage nach dem System Wintergreen konnte nach ihrer Errichtung praktisch unbegrenzte Mengen Meerwasser in Trinkwasser verwandeln, wobei die Kosten pro Kubikmeter kaum meßbar waren. Er malte ein Gemälde und erhielt sofort 200 000 Dollar dafür geboten. Er schenkte es einem Museum of Modern Art. Er entwickelte eine Virusmutation, die Syphilisbakterien zerstörte. Sie wurde wie die Syphilis übertragen und wirkte zudem als durchaus angenehmes Aphrodisiakum. Eineinhalb Jahre später war die Syphilis ausgerottet. Er kaufte eine Insel vor der kalifornischen Küste: eine Insel, deren äußerste Spitze hundertfünfzig Meter hoch aus dem Meer aufragte. Er ließ diesen Felsen in ein hundertfünfzig Meter hohes Standbild von Harry Wintergreen verwandeln.
Im Alter von achtunddreißig Jahren hatte Harry Wintergreen genügend Fußabdrücke im Sand der Zeit hinterlassen. Er langweilte sich. Er hielt nach neuen Welten Ausschau, die er erobern konnte.
Dies war also der Mann, der im Alter von vierzig Jahren die niederschmetternde Mitteilung erhielt, er sei unheilbar krebskrank und habe nur noch ein Jahr zu leben.
Wintergreen verbrachte den ersten Monat seines letzten Lebensjahres auf der Suche nach einem bereits existierenden Heilmittel gegen Krebs. Er besuchte Laboratorien, Universitäten, Krankenhäuser, Kliniken, Forschungsinstitute, große Wissenschaftler, Quacksalber, Handaufleger, kleine alte Damen in Tennisschuhen und Dutzende von Leuten, die auf wunderbare Weise von ihrem Krebsleiden geheilt worden waren. Aber es gab kein Mittel gegen Krebs in fortgeschrittenem Stadium - weder wissenschaftlich anerkannte noch sonstige. Das entsprach seinen Erwartungen und wohl auch seinen Hoffnungen. Er würde dieses Problem selbst anpacken und lösen müssen.
Er brauchte den nächsten Monat dazu, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Er ließ inmitten einer einsamen Wüstengegend in Arizona eine Villa mit Klimaanlage und hoher Grundstücksmauer erbauen. Zur Einrichtung der Villa gehörte auch eine vollautomatische Küche mit genügend Vorräten für ein ganzes Jahr. Weiterhin enthielt diese Villa ein biologisches und biochemisches Laboratorium, das Harry 5 000 000 Dollar gekostet hatte. Daran schloß sich eine Mikrofilmbibliothek an, die jedes Wort enthielt, das je über Krebs geschrieben worden war, und 3 000 000 Dollar gekostet hatte. Außerdem gehörte zur Einrichtung eine Apotheke, die alle anderen Apotheken bei weitem übertraf, weil sie buchstäblich alle überhaupt existierenden Heilmittel und Drogen enthielt: Gifte, schmerzstillende Mittel, Halluzinogene, Dandrizide, antiseptische Lösungen, Antibiotika, Kopfschmerztabletten, Heroin, Chinin, Curare, Schlangenöl - einfach alles. Die Apotheke kostete 20 000 000 Dollar.
Die Villa enthielt außerdem ein Sprechfunkgerät, große Mengen häufig gebrauchter Chemikalien - auch radioaktive Stoffe -und den Koran, die Bibel, die Thora, das Tibetanische Totenbuch, Wissenschaft und Gesundheit, Iß dich gesund! und die gesammelten Werke von Wilhelm Reich und Aldous Huxley. Sie enthielt zudem einen sehr großen und äußerst kostspieligen Computer. Als die Villa endlich fertig eingerichtet war, hatte Wintergreen fast sein ganzes Kleingeld dafür ausgegeben.
Harrison Wintergreen hatte noch zehn Monate Zeit, etwas zu vollbringen, das die ärztliche Wissenschaft für unmöglich hielt, als er sich in seiner Zitadelle einschloß.
In den nächsten zwei Monaten verschlang er die umfangreiche Bibliothek, schlief nur noch drei von vierundzwanzig Stunden und lebte überwiegend von Benzedrin. Die Bibliothek bot nur Informationen. Er verdaute die Informationen und wandte sich der Apotheke zu.
Im folgenden Monat versuchte er Aureomycin, Bacitrazin, Zinnfluorid, Hexylresorzinol, Cortison, Penicillin, Hexachlorophin, Haileberextrakt und 7312 weitere Wundermittel der modernen ärztlichen Wissenschaft - alle ohne Erfolg. Seine Schmerzen wurden allmählich stärker, und er unterdrückte sie mit Morphium, bis er süchtig geworden war. Aber die Rauschgiftsucht war nur eine lästige Nebenwirkung.
Er versuchte es mit Chemikalien, radioaktiven Mitteln, Viriziden, Christlicher Wissenschaft, Joga, Gebeten, Patentmedizinen, Kräutertee, Hexerei und einer Joghurtdiät. Das dauerte einen weiteren Monat lang, und Wintergreen magerte in dieser Zeit sichtlich ab, weil er weniger und weniger schlief und mehr und mehr Benzedrin und Morphium nahm. Nichts half. Er hatte noch sechs Monate Zeit.
Nun war er dicht davor, zu verzweifeln. Er versuchte es mit einer anderen Methode. Er setzte sich in einen bequemen Sessel und betrachtete achtundvierzig Stunden lang seinen Bauchnabel.
Seine Meditationen brachten ihm zwei Dinge ein: vor Überanstrengung entzündete Augen und die Worte "spontane Remission".
Bei seiner zweimonatigen Forschungsarbeit war Wintergreen auf zahlreiche Fälle gestoßen, in denen ein Krebs im Endstadium sich plötzlich wieder zurückentwickelte, so daß der Patient, für den schon keine Hoffnung mehr zu bestehen schien, wider Erwarten als geheilt entlassen werden konnte. Aber niemand wußte, warum oder wie er geheilt worden war. Das ließ sich nicht voraussagen, das ließ sich nicht künstlich herbeiführen -aber es geschah trotzdem. Da es vorläufig noch keine Erklärung dafür gab, wurde diese Erscheinung spontane Remission genannt. "Remission" bedeutet soviel wie Heilung. "Spontan" besagte, daß niemand wußte, wodurch sie verursacht wurde.
Was natürlich keineswegs bedeutete, daß sie nicht irgendwie verursacht wurde.
Das gab Wintergreen neuen Auftrieb; er war sogar zuversichtlich. Er wußte, daß einige Krebskranke im letzten Stadium geheilt worden waren. Folglich war Krebs selbst in diesem Stadium heilbar. Daraus ergab sich, daß dieses Problem nicht mehr unmöglich, sondern nur noch höchst unwahrscheinlich war, was die gewünschte Lösung betraf.
Und das höchst Unwahrscheinliche war geradezu Wintergreens Spezialität.
Als seine geschätzte Lebensdauer nur noch sechs Monate betrug, machte Wintergreen sich fröhlich ans Werk, er suchte aus seiner vollständigen Bibliothek sämtliche Fälle spontaner Remission heraus. Er gab sie dem Computer mit allen dazugehörigen Informationen ein - Einzelheiten der Krankengeschichte dieser Patienten, Art der Behandlung, verabreichte Mittel und Alter, Geschlecht, Religion, Rasse, politische Einstellung, Herkunft, Abstammung, Temperament, Familienstand, Vermögensverhältnisse, Neurosen, Psychosen und bevorzugte Biersorte der Kranken. Harrison Wintergreens kostbarer Computer erhielt eine vollständige Darstellung des Persönlichkeitsbildes jedes Menschen, der je als geheilter Krebskranker in die medizinische Literatur eingegangen war.
Wintergreen programmierte seinen Computer dazu, die zehntausend einzelnen und deutlich unterscheidbaren Faktoren der spontanen Remission miteinander zu vergleichen. Wenn auch nur ein einziger Faktor - Alter, Vermögensverhältnisse, Leibspeisen oder irgend etwas mit der spontanen Remission in Verbindung gebracht werden konnte, ließ sich der Spontaneitätsfaktor ausklammern.
Wintergreen hatte 100 000 000 Dollar für seinen Computer ausgespuckt. Das verdammte Ding war der beste Computer der Welt. Es erledigte seine Aufgabe in 27,894 Sekunden. Wintergreen erhielt die Antwort in einem Wort:
"Negativ."
Die spontane Remission hing von keinem externen Faktor ab. Sie war und blieb spontan; ihre Ursache war unbekannt.
Ein geringerer Mann wäre am Boden zerstört gewesen. Ein konventionellerer Mann wäre verblüfft gewesen. Harrison Wintergreen war begeistert.
Er hatte das gesamte äußere Universum mit einem einzigen Schlag als bestimmenden Faktor der spontanen Remission ausgeschaltet. Folglich waren der Körper und/oder die Psyche eines Menschen auf geheimnisvolle Weise imstande, sich selbst zu kurieren.
Wintergreen machte sich daran, sein eigenes internes Universum zu erforschen und zu erobern. Er zog sich in die Apotheke zurück und bereitete eine höchst wirksame Mischung vor. Seine größte Injektionsspritze enthielt schließlich: Novocain; Morphium; Curare; Vlut, ein seltenes tibetanisches Gift, das zeitweilige Blindheit hervorrief; Olfaktorcain, ein wenig bekannter Geruchsunterdrücker, den Stinktierzüchter benützten; Tympanolin, eine Droge zur zeitweisen Lähmung der Gehörnerven (oft von Abgeordneten bei langen Reden gebraucht); eine große Dosis Benzedrin; Lysergsäure; Psilocybin; Meskalin; sieben weitere neuartige und im Handel nicht legal erhältliche Halluzinogene; Krötenauge und Hundezehe.
Wintergreen streckte sich auf seiner bequemsten Couch aus. Er desinfizierte die Haut über der Vene in seiner linken Ellbogenbeuge mit Alkohol und injizierte sich dieses Teufelsgebräu.
Sein Herz schlug rascher. Sein Blut wurde durch die Adern gepumpt und beförderte die verschiedensten Chemikalien in alle Teile seines Körpers. Das Novocain betäubte die für gewöhnliche Sinneswahrnehmungen empfindlichen Nerven der Körperoberfläche. Das Morphium nahm ihm jegliches Schmerzgefühl. Das Vlut ließ ihn blind werden. Das Olfaktorcain unterdrückte seinen Geruchssinn. Das Tympanolin machte ihn so taub wie einen Verkehrsrichter. Das Curare lähmte ihn.
Wintergreen war nun in seinem Körper allein. Er reagierte nicht mehr auf irgendwelche Reize von außen. Seine fünf Sinne hatten aufgehört, wie gewohnt zu funktionieren. Der Drang, einfach nachzugeben und in tiefe Bewußtlosigkeit zu versinken, war unwiderstehlich. Obwohl Wintergreen über einen ungewöhnlich starken Willen verfügte, hätte er vermutlich nicht selbst bei Bewußtsein bleiben können. Aber die große Dosis Benzedrin ließ ihn nicht schlafen.
Er war wach, bei vollem Bewußtsein, allein in dem Universum seines eigenen Körpers und keinen externen Reizen ausgesetzt, die ihn hätten ablenken können.
Dann begannen die Halluzinogene einzeln, paarweise und in anderen Kombinationen zu wirken.
Wintergreens Sinnesorgane waren ausgeschaltet worden, aber die Teile seines Gehirns, die sonst Sinneswahrnehmungen aufnahmen, waren weiterhin tätig. Und auf diese Gehirnzentren wirkte sich jetzt die geballte Kraft der kombinierten Halluzinogene aus. Er begann phantastische Farben, Gestalten, Formen, Körper und Dinge zu sehen, die weder Name noch Zweck hatten. Er hörte unheimliche Symphonien, geisterhafte Echos und wirres Geheul. Zehntausend unwahrscheinliche Gerüche wälzten sich träge durch sein Gehirn. Tausend imaginäre Schmerzen setzten ihm zu, als werde sein ganzer Körper bei lebendigem Leib in Stücke gerissen und amputiert. Die für Sinneswahrnehmungen zuständigen Teile von Wintergreens Gehirn glichen einem äußerst leistungsstarken Rundfunkempfänger, der auf ein Kurzwellenband eingestellt war, auf dem nicht gesendet wurde, so daß er nur bedeutungslose atmosphärische Störungen und Nebengeräusche empfing.
Die Drogen schalteten äußere Sinneswahrnehmungen aus. Das Benzedrin hielt ihn wach. Vierzig Lebensjahre als Harrison Wintergreen ließen ihn ruhig und vernünftig bleiben.
Er paßte sich seiner neuen Umgebung allmählich an, ertrug die fremdartigen Empfindungen, die damit verbunden waren, mit stoischer Ruhe und bekam langsam ein Gefühl für seine veränderte Umwelt, die doch keine war. Und dann - zunächst noch unsicher zögernd, aber schließlich immer zuversichtlicher - machte Wintergreen sich daran, seine Umgebung unter Kontrolle zu bringen. Sein Verstand konstruierte unwahre, aber nützliche Analogien für Tätigkeiten, die keine Tätigkeiten waren, für Daseinszustände, die keine Daseinszustände waren, und für Sinneswahrnehmungen, die in dieser Form noch nie von einem menschlichen Gehirn aufgenommen worden waren. Diese Analogien, die in einer Art berechnendem Wahnsinn von seinem Unterbewußtsein konstruiert wurden, um ihm das Unbegreifliche faßbar und verständlich zu machen, gaben ihm auch die Möglichkeit, seine Phantasieumwelt so zu behandeln, als sei sie eine reale Umwelt, indem er geistige Veränderungen in analoge Tatvorstellungen umdeutete.
Er streckte eine imaginäre Hand aus und stellte damit ein nur in Gedanken vorhandenes Radio ein, so daß es jetzt nicht mehr die bedeutungslosen Störgeräusche aus dem äußeren Nebenuniversum empfing, sondern für das bisher noch ungenutzte Kurzwellenband seines eigenen Körpers empfänglich wurde - für das innere Hauptuniversum, in das sein Verstand sich aus dem allgemeinen Chaos flüchten wollte.
Er veränderte die Einstellung, paßte sie an, versuchte es immer wieder, ließ nicht locker, kämpfte, drang weiter vor und spürte, daß sein Versand nur noch von einer atomdünnen Trennschicht aufgehalten wurde. Er versuchte diese Sperre zu durchdringen und stürmte gegen die analoge durchsichtige Membran an, die seinen Verstand von seinem inneren Universum trennte. Diese Membran dehnte und bewegte sich, sie gab nach innen nach, wurde dünner ... und zerriß dann. Wintergreens analoger Körper trat durch die Öffnung und blieb auf der anderen Seite stehen.
Harrison Wintergreen befand sich in seinem eigenen Körper. Dies war eine Welt des Wunderbaren und des Abstoßenden, des Majestätischen und des Lächerlichen. Wintergreen, der sich in Gedanken vorstellte, sein analoger Körper befinde sich in seinem wirklichen Körper, sah sich inmitten eines weitläufigen Netzwerkes pulsierender Arterien, das einem gigantischen Autobahnnetz glich. Die Analogie kristallisierte sich klarer heraus. Es handelte sich wirklich um eine breite Schnellstraße mit einem Dutzend Fahrspuren, und Wintergreen fuhr auf ihr. Aufgeschwollene Säcke warfen verschiedene Dinge in den regen Verkehr: Hormone, Abfallprodukte, Nährstoffe. Weiße Blutkörperchen rasten wie verrückte Taxis an ihm vorbei. Rote Blutkörperchen fuhren langsam wie gesetzte Familienväter. Der Verkehr wurde gelegentlich schwächer und staute sich dann wieder wie in der Hauptverkehrszeit nach Feierabend. Wintergreen fuhr weiter, beobachtete sorgfältig und suchte und suchte.
Er bog nach links ab, überquerte drei Fahrspuren und fuhr nach rechts auf einen Lymphknoten zu. Und dann sah er es - eine Ansammlung weißer Blutkörperchen, als seien dort zwölf Autos zusammengestoßen, und ein grinsender Motorradfahrer, der auf ihn zuraste.
Schwarz das Motorrad. Schwarz der Lederanzug des Fahrers. Schwarz, tiefschwarz das Gesicht des Fahrers - bis auf die blutrot glühenden Augen. Und auf Brust und Rücken der mattschwarzen Lederjacke in großen scharlachroten Buchstaben eine Aufschrift:


Carcinoma Angels
Wintergreen gab mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen Vollgas und steuerte sein analoges Auto die hypothetische Schnellstraße entlang genau auf den imaginären Motorradfahrer zu, der natürlich eine Krebszelle war.
Krach! Peng! PFFFT! Wintergreens Auto zertrümmerte das Motorrad, und der Fahrer explodierte in einer schwarzen Staubwolke.
Dann raste Wintergreen kreuz und quer über die Schnellstraßen seines Blutkreislaufs, röhrte Arterien hinab, fegte mit aufheulendem Motor durch Venen, zwängte sich durch enge Kapillargefäße, suchte nach schwarzgekleideten Motorradfahrern, spürte die Carcinoma Angels auf und zermalmte sie zu Staub unter seinen Rädern ...
Und später fand er sich in dem dunklen, feuchten Wald seiner Lungen wieder, wo er ein schneeweißes analoges Pferd ritt und eine imaginäre Lanze aus purem Licht in der Hand hielt. Wilde schwarze Drachen mit blutroten Augen schlängelten sich hinter den knorrigen Massen großer Luftsackbäume hervor. St. Wintergreen spornte sein Roß, legte die Lanze ein und durchbohrte ein zischendes Ungeheuer nach dem anderen, bis der heilige Lungenwald endlich wieder von Drachen befreit war ...
Er flog durch eine weite feuchte Höhle, erkannte über sich die vagen Umrisse größerer Organe und sah unter sich die endlose Bauchfellebene.
Ein Geschwader schwarzer Jagdeinsitzer, die alle das scharlachrote 'C' auf den Flügeln trugen, hatte sich hinter seinem gigantischen pulsierenden Herzen verborgen gehalten. Jetzt stürzten die Maschinen sich wie Raubvögel auf ihn herab.
Wintergreen schob den Leistungshebel bis zum Anschlag nach vorn, zog steil nach oben, kurvte ein, fiel über die Banditen her und ließ seine Maschinenkanonen rattern. Seine Gegner stürzten einzeln und in Gruppen ab und zerschellten tief unten auf der Bauchfellebene ...
Die schwarz-roten Zellen griffen in tausend Gestalten, Formen und Verkleidungen an. Schwarz, die Farbe des Todes; rot, die Farbe des Bluts. Motorradfahrer, Drachen, Flugzeuge, Meeresungeheuer, Soldaten, Panzer und Tiger in Blutgefäßen und Lungen und Milz und Brustkorb und Niere und Blasen - alle Carcinoma Angels.
Und Wintergreen lieferte seine analogen Schlachten in gleichvielen Inkarnationen als Autofahrer, Ritter, Pilot, Taucher, Soldat, Pionier und Großwildjäger. Er kämpfte grimmig und verbissen und bedeckte die Schlachtfelder seines Körpers mit dem schwarzen Staub vernichteter Carcinoma Angels.
Er kämpfte und kämpfte und tötete und tötete, bis er schließlich ...
Schließlich stand er knietief in einem Meer aus Verdauungssäften, das gegen die Wände der dunklen, feuchten Höhle schwappte, die sein Magen war. Und hier kroch eine riesige schwarze Krabbe mit blutroten Augen auf ihn zu - furchterregend, drohend, urweltlich.
Die Krabbe kam langsam näher. Wintergreen blieb stehen, grinste triumphierend, sprang hoch und landete mit beiden Füßen auf dem harten schwarzen Panzer.
Der Rückenpanzer der Krabbe gab unter seinem Gewicht nach, und das widerliche Kriechtier zersplitterte in eine Million winziger Bruchstücke.
Wintergreen war jetzt allein; endlich allein und siegreich, weil er auch den letzten der Carcinoma Angels bezwungen hatte.
Harrison Wintergreen war in seinem Körper allein; er hatte gesiegt und hielt wieder einmal nach neuen Welten Ausschau, die er für sich erobern konnte. Er wartete darauf, daß die Wirkung der Drogen abklingen würde, so daß er in die Welt zurückkehren konnte, die er schon immer als sein Privateigentum betrachtet hatte.
Er wartete und wartete und wartete ...

Besuchen Sie die beste und teuerste Nervenheilanstalt der Welt, dann finden Sie dort Harrison Wintergreen, der durch eigene Anstrengung stinkreich geworden war; Harrison Wintergreen, der wohltätig gewirkt hatte; Harrison Wintergreen, der seine Fußabdrücke im Sand der Zeit hinterlassen hatte; Harrison Wintergreen, der jetzt völlig gelähmt und schwachsinnig ist.
Harrison Wintergreen, der in seinen eigenen Körper vorgedrungen ist, um gegen den Krebs zu kämpfen, und der siegreich geblieben ist.
Und der nicht wieder zurückkam.
– Bewerten …

Faber antwortet am 19.11.2003 um 08:52

http://gutenberg.spiegel.de/
– Bewerten …

Ro 80 antwortet am 19.11.2003 um 20:54

@duffy, vor fast einem vierteljahrhundert hat mir ein bekannter diese geschichte erzählt.
der rockername "carcinoma angels" ist mir über die jahre in erinnerung geblieben.
kurz nachdem ich kf entdeckt hatte, stellte ich hier die frage nach dieser geschichte, und ein anderes kfchen sandte mir dann den link. – Bewerten …

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